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Forschung
25.08.2022
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Interview

Starkes Signal für die Forschung gefordert

Ein starkes Signal für die mittelstandsgeprägte, branchenrelevante Forschung in Deutschland fordert Dipl.-Ing. Jens Jerzembeck, Geschäftsführer der Forschungsvereinigung Schweißen und verwandte Verfahren e. V. des DVS, kurz DVS Forschung, in einem aktuellen Interview in der SCHWEISSEN UND SCHNEIDEN.

Deutschland ist eines der weltweit führenden Innovationsländer. Laut dem Globalen Innovationsindex aus dem Jahr 2021, der die Leistung des Innovationsökosystems von 132 Volkswirtschaften ermittelt und von der World Intellectual Property  Organization veröffentlicht wird, liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich auf Platz 10. Großen Anteil daran haben namhafte Forschungsinstitute ebenso wie der deutsche Mittelstand. Rund 50.000 kleine und mittelständische  Unternehmen (KMU) aus der Industrie sorgen in Deutschland mit ihrer Innovationskraft dafür, dass allein im vergangenen Jahr im Rahmen der industriellen Gemeinschaftsforschung fast 1.900 anwendungsorientierte Forschungsprojekte entwickelt und umgesetzt wurden, im Bereich der Füge-, Trenn- und Beschichtungstechnik waren es mehr als 200 Forschungsprojekte.

Die Industrielle Gemeinschaftsforschung (IGF) hat sich als das erfolgreichste Förderprogramm für diese gemeinsamen vorwettbewerblichen Forschungsthemen in Deutschland etabliert. „Ein weltweit einzigartiges und gut funktionierendes Netzwerk, das weiter gestärkt werden muss“, so Dipl.-Ing. Jens Jerzembeck. „Forschung funktioniert nicht im luftleeren Raum. Die Ideen und der Bedarf an relevanten Themen, die die Unternehmen voranbringen, müssen aus der Praxis kommen. Die echten Anwender – in unserem Fall sind das die herstellenden Betriebe und die Werkstätten aus dem Mittelstand, die sich mit dem Fügen, Trennen und Beschichten beschäftigen – wissen am besten, welche Verfahren erforscht werden müssen, damit sie ihre aktuellen und künftigen Produkte oder Dienstleistung optimieren und sich wettbewerbsfähig aufstellen können. Den Unternehmen zur Seite stehen Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen, die gerade in unserem Fachgebiet im In- und Ausland ein exzellentes Renommee haben. Dabei geht es eben nicht um wissenschaftliche Grundlagenforschung, sondern um anwendungsbezogene Forschung, die vor dem Wettbewerb am Markt initiiert wird. Um hier relevant für die Branche zu sein, muss der Impuls für die einzelnen Forschungsprojekte aus dem Markt selbst kommen."

In einem Interview in der Fachzeitschrift SCHWEISSEN UND SCHNEIDEN erläutert Jerzembeck nun die zentrale Bedeutung der Industriellen Gemeinschaftforschung (IGF) für den deutschen Mittelstand.

 

Wie können kleine und mittelständische Unternehmen sich einbringen, wenn sie keine Mittel für eigene Forschungsabteilungen oder -labore haben?

Hier kommt die DVS Forschung ins Spiel. Als Forschungsvereinigung für ihre Branche hat sie alle Bereiche des Fügens, Trennens und Beschichtens im Blick und arbeitet anwendungsorientiert und nah am industriellen Bedarf. Die DVS Forschung bündelt die Projektideen, die aus den mittelständischen Unternehmen kommen, und ist ein kompetenter Ansprechpartner für sie. Sie bringt Unternehmen mit den forschenden Einrichtungen zusammen und beantragt für ihre Branche die  entsprechenden Forschungsprojekte mit den jeweilig benötigten Fördermitteln.

 

Was haben die Unternehmen Ihrer Branche davon?

Die DVS Forschung partizipiert nicht direkt an den beantragten Fördermitteln. Diese werden zu 100 Prozent den Forschungseinrichtungen zur Verfügung gestellt, damit diese die Projekte durchführen können. Die Forschungsergebnisse hingegen erhalten die Unternehmen der Branche vollumfänglich in Form von Veröffentlichungen. Das können Konferenzvorträge sein oder Beiträge in Fachzeitschriften, Berichte oder auch DVS-Richtlinien und -Merkblätter oder Normen.

Neben der DVS Forschung gibt es zum Beispiel für andere Branchen andere gemeinnützige Forschungsvereinigungen, wie die Forschungsvereinigung Antriebstechnik e. V. oder den Forschungskreis der Ernährungsindustrie e. V., um nur zwei von
aktuell insgesamt 100 zu nennen.


Ist das eine Lösung, die langfristig funktionieren kann?

Die Industrielle Gemeinschaftsforschung (IGF) hat sich als Förderprogramm in Deutschland über 70 Jahre erfolgreich weiterentwickelt. In einer Anfang des Jahres veröffentlichten Evaluationsstudie des Bundeswirtschaftsministeriums ist die IGF als „effektives Instrument der Forschungsförderung mit hohem Alleinstellungscharakter“ bewertet worden. Eine Fortführung wird dringend empfohlen.

Die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ e. V., kurz AiF, koordiniert dieses Förderprogramm im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Im ersten Quartal 2022
wurden so viele Anträge bei der AiF eingereicht wie nie zuvor in der Geschichte des Förderungsprogramms. Ein wichtiger Hinweis für uns, dass es – trotz der schwierigen pandemischen Lage – an Ideenreichtum und Entdeckergeist in Deutschland nicht mangelt.


Ein Ideenreichtum, von dem die Branche profitiert?

Ja, die Unternehmen der Branche profitieren davon, die Forschungsinstitute, aber auch und vor allem die Gesellschaft. Die Ergebnisse aus dem Förderprogramm IGF unterstützen die Bundesregierung bei den großen Zielen, die gerade in der  heutigen Zeit an Bedeutung gewinnen: bei der Energiewende, bei dem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen oder der digitalen Transformation. Gerade kürzlich haben wir mit der DVS Forschung eine Studie zum Thema „Fügetechnik
für die Wasserstoff ökonomie – Werkstoffe, Schweißtechnologien, Perspektiven“ vorgelegt. In ihr erläutern wir, welche Anforderungen an die Fügetechnik im Zusammenhang mit der Erzeugung, der Speicherung, dem Transport und der Nutzung
von Wasserstoff gestellt werden.

Oder nehmen wir ein Beispiel, das von zentraler Bedeutung für alle ist, die in Deutschland leben und arbeiten: Brückensanierung. Hier haben wir mit einem abgeschlossenen Forschungsprojekt im Jahr 2019 das Potenzial einer innovativen Sanierungsmethode verifizieren können. In diesem Projekt haben Ermüdungsversuche an rissbehafteten Proben gezeigt, dass  durch eine geklebte CFK-Verstärkung eine erhebliche Verlängerung der Restlebensdauer von Brücken erreicht werden kann.

 

Was ist aus Ihrer Sicht jetzt nötig?

Notwendig ist ein klares Bekenntnis zur Forschungsförderung seitens der Bundesregierung.  Konkret bedeutet dies Investitionen, Stärkung des Forschungsnetzwerkes  und Planungssicherheit für den Mittelstand in Deutschland. Als Investition sieht
der Bundeshaushalt für das laufende Jahr für die Industrielle Gemeinschaftsforschung gegenüber dem Haushaltsentwurf von 180 Mio. Euro zusätzliche 8,8 Mio. Euro vor. Das ist ein gutes Zeichen für die mehr als 50.000 kleinen und  mittelständischen Unternehmen, die sich in diesem Förderprogramm engagieren.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Interview „Wir brauchen ein starkes Signal für die mittelstandsgeprägte, branchenrelevante Forschung in Deutschland“. Es ist in der Fachzeitschrift SCHWEISSEN UND SCHNEIDEN, Ausgabe 7-8/2022, erschienen. Dipl.-Ing. Jens Jerzembeck ist Geschäftsführer der DVS Forschung und Leiter der Abteilung „Forschung und Technik“ im DVS.