
In keinem anderen Gremium in Deutschland ist ein so umfassender, praxisnaher und regelwerksübergreifender Austausch zum Schweißen im Anlagen-, Behälter- und Rohrleitungsbau möglich wie in der DVS-Arbeitsgruppe (AG) A3. Sie bündelt die fachliche Expertise und schafft eine Plattform, die Anwender, Industrie, Normung und Forschung direkt miteinander vernetzt.
Die AG übernimmt eine zentrale Rolle in der schweißtechnischen Branche: Sie vertritt die technischen Belange dieses sicherheitsrelevanten Themenfeldes, fördert den Wissenstransfer und die Standardisierung – von Werkstofffragen über Instandsetzung bis hin zu den Anforderungen durch neue Energieträger.
Über diese Entwicklungen und die aktuellen Herausforderungen haben wir mit den beiden Obleuten der AG A3, Dipl.-Ing. Jochen Mußmann und Dipl.-Ing. Rolf Paschold, gesprochen. Im Interview geben sie Einblicke in die Motivation zur Mitarbeit im DVS, in technische Trends und in die zukünftige Ausrichtung der schweißtechnischen Gemeinschaftsarbeit.

Jochen Mußmann: Die DVS-Arbeitsgruppe (AG) wurde im Sommer 2015 gegründet, um die Themenfelder „Schweißen im Anlagen-, Behälter- und Rohrleitungsbau“ sowie „Schweißen in Energietechnik und Anlagenbau“ im DVS strukturell zu bündeln. Ziel war und ist es, den interessierten Unternehmen, Fachleuten und Nachwuchskräften eine gemeinsame Plattform für den fachlichen Erfahrungsaustausch zu bieten.
Die Themen sind dabei produktübergreifend und somit losgelöst von den „strengen“, eher unflexiblen Inhalten in der Normung. Während Normen das regeln, was für eben dieses Produkt oder Bauteil normativ erlaubt ist, diskutiert die DVS-Arbeitsgruppe Themen, die über das konkrete Produkt hinausgehen.
Die AG trifft sich zweimal im Jahr, das nächste Mal am 9. März 2026 im Vorfeld der Sondertagung „Schweißen im Anlagen- und Behälterbau“ an der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt (SLV) München. Die Aktualität und Dringlichkeit der Themen ergibt sich dabei stets aus den praktischen Erfahrungen der Teilnehmenden: Aktuelle technische Fragen und neue Entwicklungen aus dem betrieblichen Arbeitsalltag fließen direkt in die Diskussion ein. Hier beantworten die AG-Mitglieder konkrete Fragen, aber auch Fachvorträge zu eingebrachten Fragestellungen finden statt.

Rolf Paschold: Regelwerke und DVS-Merkblätter sind nach wie vor ein unverzichtbares Werkzeug, um Lösungen zu finden und Fehler zu vermeiden. Sie dienen der Qualitätssicherung, der Fehlervermeidung und einer einheitlichen, verbindlichen technischen Sprache.
Ein zentrales Anliegen aller Mitwirkenden der AG ist es, die oft über Jahrzehnte gewachsenen Erfahrungen zu sichern und branchenübergreifend weiterzugeben – auch an den Nachwuchs in den Unternehmen. Nicht jede schweißtechnische Frage des Themenfeldes „Anlagen-, Behälter- und Rohrleitungsbau“ kann bereits jetzt sinnvoll und verlässlich von Künstlicher Intelligenz (KI) beantwortet werden.
Ein Beispiel ist der Umgang mit Mischverbindungen verschiedener Werkstoffe. Bei hohen Betriebstemperaturen oder einer notwendigen Wärmenachbehandlung ergeben sich Anforderungen, die etwa in der DIN EN ISO 15614-1 oder auf Basis der Entscheidungen des Technical Committees ISO/TC 44 „Schweißen und verwandte Verfahren“ nur teilweise abgedeckt sind.
Die DVS-Arbeitsgruppe ermöglicht es, diese Normen praxisorientiert zu interpretieren, direkt im Betrieb anzuwenden oder ihre Grenzen zu diskutieren – ein klarer Mehrwert für alle, die in der AG mitwirken.

Jochen Mußmann: Die Rückverfolgbarkeit steht im Vordergrund und ermöglicht eine lückenlose Dokumentation des Lebenszyklus – beispielsweise bei der Reparatur einer Rohrleitung aus warmfestem Stahl: von der ersten Schweißung bis zur letzten Wärmenachbehandlung. Nur so sind kompetente Rückschlüsse auf die richtige Vorgehensweise bei der Instandsetzung möglich und Fehler vermeidbar.
Vor Kurzem wurde das DVS-Merkblatt 3014 „Kennzeichnung von Produkten / Halbzeugen – Verfahren und Risiken“ veröffentlicht. Dies unterstützt Unternehmen dabei, eine zuverlässige und sichere Rückverfolgbarkeit der verwendeten Bauteile zu gewährleisten. Es geht hier um die gängigen Methoden der Kennzeichnung von Halbzeugen und von Produkten über temporäre, aber auch dauerhafte Markierungsverfahren. Dies ist insbesondere im Anlagen- und Rohrleitungsbau essenziell, wo fehlerhafte oder unzulässige Markierungen zu Betriebsstörungen oder Bauteilschäden führen können.
Standards werden von den Menschen entwickelt, die sie benötigen – das könnten auch Sie sein. Die DVS-Arbeitsgruppen bestehen aus Fachleuten, die sich in der Branche oder in dem Fachbereich bestens auskennen. Wenn Sie an der Gestaltung zukünftiger DVS-Richtlinien und -Merkblätter in Ihrem Fachgebiet mitwirken möchten, wenden Sie sich an die DVS-Arbeitsgruppe AG A 3.

Rolf Paschold: Ein DVS-Merkblatt als Leitfaden für das Schweißen „Neu- an Alt-Material“ befindet sich derzeit auf der Zielgeraden. Es soll als Beiblatt zu dem bestehenden DVS-Merkblatt 3012 „Instandsetzungsschweißungen von Turbosätzen – Allgemeine Hinweise“ erscheinen. Dieses Beiblatt behandelt das Schweißen in/an betriebsbeanspruchtem, geschädigtem, gealtertem Material – speziell im Anlagen- und Rohrleitungsbau mit warmgehenden Bauteilen, wie warmfesten bzw. zeitstand beanspruchten Rohrleitungsteilen.
Das Beiblatt gilt für schweißbare Stähle, Stahlguss sowie Nickel- und Cobalt-Basislegierungen, vorzugsweise im warmfesten Bereich, die durch den betrieblichen Einsatz eine Veränderung der mechanischen Eigenschaften, bzw. Gefüge erfahren haben. Nicht Bestandteil dieses Merkblattes sind Werkstoffe, die aufgrund ihres Alters generell nicht schweißbar sind und auch im Neuzustand nicht waren.
Jochen Mußmann: Da existierende Normen wie DIN EN 13480 (Metallische industrielle Rohrleitungen) oder DIN EN 12952 (Wasserrohrkessel und Anlagenkomponenten) primär auf die Erstfertigung ausgerichtet sind, schließt der DVS hier eine wichtige Lücke für die Praxis. Das Merkblatt kann von Unternehmen gut im Rahmen der Instandsetzung und Wartung genutzt werden. Sie erhalten so einen praxisnahen Leitfaden für den sicheren Umgang mit geschädigtem oder gealtertem Material – ein Bereich, in dem der DVS mit seinem Regelwerk eine führende Rolle übernimmt.
Rolf Paschold: Viele ältere Spezifikationen, z. B. der Chemie- und Kraftwerksindustrie, stehen dem MIG/MAG-Schweißen skeptisch gegenüber. Häufig wird den Herstellern von Behältern, Rohrleitungen und Chemieapparaten in den Kundenspezifikationen der Einsatz des Metallschutzgasschweißens verweigert. Vorbehalte hinsichtlich Porenbildung oder Bindefehlern verhindern oft, dass das Verfahren bei drucktragenden Teilen angewendet wird – trotz seiner heute deutlich weiterentwickelten Möglichkeiten.
Moderne Schweißstromquellen, präzise Lichtbogensteuerungen, neue Regelvarianten und verbesserte Prüfverfahren haben die Qualität von MSG-Schweißnähten erheblich erhöht. Die strikten Forderungen der oftmals älteren Spezifikationen sollten daher überdacht werden, um bei geprüft hoher Qualität die Vorteile des MSG-Schweißens in Bezug auf Produktivität und Wirtschaftlichkeit nutzen zu können.
Im globalen Wettbewerb müssen solche Potenziale gehoben werden, ob beim teilmechanischen MSG-Schweißen, mit dem Cobot oder dem vollmechanischen bzw. automatischem Schweißen mit dem Schweißroboter. Vor diesem Hintergrund setzt der DVS mit einem geplanten Merkblatt „Metallschutzgasschweißen im Anlagen- und Behälterbau“ bewusst ein Zeichen: Mit diesem Vorhaben soll mit überholten Vorurteilen aufgeräumt und die Potenziale dieses Verfahrens auch für drucktragende Teile abgebildet werden.
Jochen Mußmann: Die Transformation der Energieversorgung führt zu neuen technischen Anforderungen an Werkstoffe, Schweißverfahren und Qualifikationsprofile.
Es stellen sich Fragen nach der Beständigkeit von Rohrleitungssystemen für gasförmigen Wasserstoff, nach den werkstofftechnischen Anforderungen in der Kryotechnik bei flüssigem Wasserstoff (-253 °C) sowie nach der Beständigkeit von Stählen und Schweißgütern gegen Spannungsrisskorrosion bei Ammoniak und Methanol.
Bei der Umstellung der Energieträger von fossil auf regenerativ sind werkstoffliche Aspekte von kaltzäh bis warmfest zu berücksichtigen. Dies bedeutet auch, dass die Aus- und Weiterbildung angepasst werden muss – von der Konstruktion über die Fertigung bis zur Schweißaufsicht. Auch hier nimmt der DVS eine zentrale Rolle ein: als Impulsgeber, als Entwickler für Lehrpläne und als Qualifizierungsinstitution.
Großes Potenzial liegt außerdem in den einschlägigen Produktnormen wie DIN EN 13480 (Metallische industrielle Rohrleitungen) und DIN EN 13445 (Unbefeuerte Druckbehälter), die derzeit um entsprechende Teile gezielt für die Anwendung von gasförmigem Wasserstoff erweitert werden müssen. Dabei geht es nicht darum, eine Vielzahl neuer Spezialnormen zu erarbeiten, sondern einheitliche, über Normteile hinweg konsistente Anforderungen für wasserstoffführende Anlagen. Erste Ergebnisse werden bereits im Jahr 2026 erwartet.

In jedem Jahr lädt die Sondertagung „Schweißen im Anlagen- und Behälterbau“ Fachleute nach München ein. Seit 1972 hat sich die jährlich stattfindende Veranstaltung als feste Größe etabliert und zählt mit 200 bis 250 Teilnehmenden zu den wichtigsten Austauschplattformen der Branche.
Auch in diesem Jahr stehen aktuelle Entwicklungen in der Schweiß- und Prüftechnik, Neuerungen in Regelwerken und Qualitätssicherung sowie Fortschritte in Werkstoff- und Verfahrenstechnik im Fokus. Die Tagung bietet damit einen kompakten Überblick über Trends, Herausforderungen und praxisrelevante Lösungen im Anlagen- und Behälterbau.
Wo und wann? 10.03. – 13.03.2026, Künstlerhaus München
DVS- Arbeitsgruppe A 3 Schweißen im Anlagen-, Behälter- und Rohrleitungsbau
54. Sondertagung Schweißen im Anlagen- und Behälterbau in München
Technischer Referent:
Philipp Loermann