
Digitalisierung ist ein Schlagwort. Und kann in der Fügetechnik so viel bedeuten: Künstliche Intelligenz, Automatisierung, digitale Prozessüberwachung, Robotik, Sensorik und vieles mehr. Doch wie ist es, wenn man Digitalisierung wirklich „macht“? Wenn aus einer Forschungsfrage plötzlich ein Geschäftsmodell wird, aus einer Idee ein Unternehmen – und aus Theorie gelebte Praxis in der Werkhalle?
Dies erklären uns drei Start-ups. Sie nehmen uns im DVS MAGAZIN | EINS26 mit auf ihren Weg zur Unternehmensgründung. Sie alle wurden durch Institute der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Fügetechnik e. V. im DVS vorgeschlagen. Sie alle haben einen gemeinsamen Ursprung: Forschungsprojekte als Treiber für digitale Innovationen in der Fügetechnik.
Die drei Start-ups, die wir in unserem Mitgliedermagazin vorstellen, stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die unsere Branche nachhaltig prägt: Forschung verlässt das Labor und wird unternehmerisch wirksam. Doch hinter jeder Technologie stehen Menschen, die Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Menschen, die Digitalisierung nicht nur denken, sondern umsetzen.
In drei Interviews geben die vorgestellten Gründerinnen und Gründer – und zwar Leona Grulich von der byte robotics GmbH, Dr.-Ing. Samuel Mann von welded.io UG und Florian Müller von der FusionIQ Systems GmbH – Einblick in ihre Geschäftsidee: Sie sprechen über Aha‑Momente, über Daten und Erfahrung – und darüber, wie Sie sich auf ihre Arbeit im Team eingelassen haben.
Ein ausführlicher Beitrag darüber, wie aus Forschung Fortschritt wird, erscheint im DVS MAGAZIN | EINS26. Online haben wir diesen bewusst um Interviews mit Leona Grulia, mit Samuel Mann und Florian Müller ergänzt – weil Digitalisierung nicht nur aus Lösungen besteht, sondern aus Menschen, die sie vorantreiben.

Leona Grulich (im Bild oben rechts), eine der Mitgründerinnen der byte robotics GmbH, wird im DVS MAGAZIN | EINS26 vorgestellt und steht gemeinsam mit ihrem Team beispielhaft dafür, wie aus Forschung Fortschritt wird. Hier im Interview spricht sie mit uns über den Weg von der universitären Forschung zur Unternehmensgründung und darüber, warum echte Automatisierung erst dann entsteht, wenn Programmierung kein Engpass mehr ist.
Leona Grulich: „Die Entstehung von byte robotics war ein fundierter Reifeprozess. Alles begann mit der Erkenntnis, dass die manuelle Programmierung von Industrierobotern ein enormer Kostentreiber ist – sie macht oftmals bis zu 75 Prozent der Gesamtkosten aus. Im Forschungsprojekt VIP+ AuRora wurde dafür zunächst eine technologische Lösung im Labor entwickelt und validiert.
Die wahre ‚Initialzündung‘ für das Unternehmen war der Moment, in dem wir entschieden, diese Hochtechnologie aus der Forschung in die industrielle Praxis zu bringen. Mit dem EXIST-Forschungstransfer 2023 bot sich die Chance, die wissenschaftliche Exzellenz durch unternehmerische Strategie zu ergänzen – und genau hier kam ich als Diplom-Kauffrau dazu.
Wir haben die Zeit vor der Gründung im Jahr 2024 bewusst genutzt, um ein stabiles Fundament für byte robotics zu bauen: durch Workshops, gemeinsame Visionen und klare Strukturen. Wir sagen oft: Gründen ist wie heiraten. Wir haben die Spielregeln festgelegt, um als eingeschweißtes Team die Robotik langfristig revolutionieren zu können.“

Dr.-Ing. Samuel Mann treibt die Digitalisierung mit frischen Ideen voran. Mit seinem Unternehmen welded.io UG holt er das Schweißen aus dem „analogen Schattendasein“ und macht es mithilfe von Datenintelligenz transparenter. Im Interview erzählt er uns, was ihn motiviert hat, dieses Unternehmen zu gründen.
Samuel Mann: „Wir sind – in einer Art „jugendlichem Leichtsinn“ – tatsächlich von der Technologie und dem Potential für die Praxis überzeugt. Neuland erschließen gehört zudem zur Forschung genauso wie zur Gründung. So lag die Idee am Ende der Hochschulzeit für mich auf der Hand.“

Florian Müller, Geschäftsführer der FusionIQ Systems GmbH, ist der dritte Unternehmensgründer, der im DVS MAGAZIN | EINS26 vorgestellt wird. Im Interview berichtet er, warum Digitalisierung ohne Menschen nicht funktioniert, wie sich Expertenwissen und Daten sinnvoll ergänzen – und weshalb sein Unternehmen bewusst auf Begleitung und Beratung statt auf Standardprodukte setzt.
Florian Müller: „Die Idee für unser Unternehmen war ein Prozess. Wir denken alle unternehmerisch, aber der eigentliche Anstoß kam aus einem Forschungsprojekt heraus. Die Entscheidung, ein Unternehmen aufzubauen und uns intensiv mit Prozessdaten auseinanderzusetzen, fiel schnell. Der Weg zum konkreten Geschäftskonzept dagegen brauchte ein paar „konspirative Treffen“ und lebhafte Diskussionen.
Mein Co-Geschäftsführer, Dr.-Ing. Richard Meyes, und ich sind erst in dieser Phase zu dem Team gestoßen, das bereits im Rahmen vom Forschungsprojekt „ASIMoW“ zusammengearbeitet hat. Gemeinsam haben wir reflektiert, welcher Bedarf wirklich am Markt herrscht. Dabei wurde deutlich: Unsere Kunden benötigen keine weitere Kauflösung, sondern sie benötigen vor allem auch Kompetenz, diese in ihre eigene Unternehmensinfrastruktur einzubinden. Solche Gespräche sind sehr wertvoll. Als Unternehmen sollten wir uns immer wieder die Frage stellen: Passt unser Produkt wirklich zum Markt und löst es reale Probleme löst?“

Die Interviews mit den drei Start-ups zeigen: Innovation entsteht nicht im Alleingang – und schon gar nicht in dem schnelllebigen Feld der Digitalisierung. Sie braucht Neugier, unternehmerischen Willen und verlässliche Rahmenbedingungen, die aus Ideen Forschungsprojekte und aus deren Ergebnissen marktfähige Lösungen machen.
Ein zentraler Hebel dafür ist die Forschungs- und Innovationsförderung in Deutschland. Sie setzt dort an, wo kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), Start-ups und Forschungsinstitute zusammenkommen und stärkt damit die wirtschaftliche Dynamik, die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit. Diese enge Verzahnung spiegelt sich auch strukturell wider. Im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) werden diese Themen aktuell bewusst zusammen gedacht.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Programmen, die praxisnah, anwendungsorientiert und zugänglich sind. Dazu zählen unter anderem:
Was all diese Programme verbindet, ist ein gemeinsames Ziel: Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen.
Die drei hier vorgestellten Start-ups zeigen, wie wirksam dieses Zusammenspiel sein kann. Sie sind Beispiele dafür, dass Forschungsförderung nicht abstrakt ist, sondern ganz konkret wirkt: in Produkten, Dienstleistungen, Arbeitsplätzen – und in einer Fügetechnik, die sich stetig weiterentwickelt.
Damit aus Innovationen marktfähige Lösungen werden, braucht es jedoch mehr als Fördermittel. Es braucht Forschungsvereinigungen, die die Brücke von der Idee zur Marktrelevanz schlagen – und hier kommt die Forschungsvereinigung Schweißen und verwandte Verfahren e. V. des DVS, kurz DVS Forschung, ins Spiel. Als eine der stärksten Vereinigungen innerhalb der IGF bündelt sie die Interessen der Fügetechnik, hält engen Kontakt zur Industrie und sorgt dafür, dass Forschungsfragen wirklich aus der Anwendung kommen.
„Diese drei Start-ups beweisen: Man braucht nicht nur eine gute Idee – sondern ein starkes Forschungsfundament. Die Forschungsvereinigungen und das Programm „Industrielle Gemeinschaftsforschung“ (IGF) sind gemeinsam seit Jahrzehnten wichtige Innovationstreiber für den deutschen Mittelstand“, so Dipl.-Ing. Jens Jerzembeck, Geschäftsführer der DVS Forschung. „Sie bringen das zusammen, was im Alltag oft getrennt ist: praxisnahe Fragestellungen, wissenschaftliche Neugier und die Bedürfnisse von kleinen und mittelständischen Unternehmen.“
Die Aufgaben für die DVS Forschung sind dabei komplex: Projektadministration, Begleitung der Vorhaben, Überwachung von Nachweispflichten – aber vor allem die Verantwortung, dass die Ergebnisse nicht im Regal landen, sondern in der Werkshalle oder im Handwerk ankommen. „Der DVS sorgt seit vielen Jahren dafür, dass Forschung nicht im Elfenbeinturm bleibt. Wir schaffen Strukturen, in denen Innovationen entstehen – und in denen sie ihren Weg in die Anwendung finden“, so Jerzembeck.
DVS-Hauptgeschäftsführer Dr.-Ing. Roland Boecking fügt hinzu: „Insbesondere in der Fügetechnik zeigt sich, wie wirksam dieses Modell ist. Hier sorgt die DVS Forschung nicht nur dafür, dass Unternehmen Zugang zu aktuellen Forschungsergebnissen erhalten – sie ermöglicht sogar, dass aus Forschungsprojekten neue Geschäftsideen entstehen.“