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Interview mit Leona Grulich Software statt Trial-and-Error

Leona Grulich, eine der Mitgründerinnen der byte robotics GmbH, wird im DVS MAGAZIN | EINS26 vorgestellt und steht mit ihrem Team beispielhaft dafür, wie aus Forschung Fortschritt wird. Hier im Interview spricht sie mit uns über den Weg von der universitären Forschung zur Unternehmensgründung und darüber, warum echte Automatisierung erst dann entsteht, wenn Programmierung kein Engpass mehr ist.

Wie kam es zur Gründung Ihres Unternehmens? 

Leona Grulich (LG, im Bild oben rechts): „Die Entstehung von byte robotics war ein fundierter Reifeprozess. Alles begann mit der Erkenntnis, dass die manuelle Programmierung von Industrierobotern ein enormer Kostentreiber ist – sie macht oftmals bis zu 75 Prozent der Gesamtkosten aus. Im Forschungsprojekt VIP+ AuRora wurde dafür zunächst eine technologische Lösung im Labor entwickelt und validiert.

Die wahre ‚Initialzündung‘ für das Unternehmen war der Moment, in dem wir entschieden, diese Hochtechnologie aus der Forschung in die industrielle Praxis zu bringen. Mit dem EXIST-Forschungstransfer 2023 bot sich die Chance, die wissenschaftliche Exzellenz durch unternehmerische Strategie zu ergänzen – und genau hier kam ich als Diplom-Kauffrau dazu.

Wir haben die Zeit vor der Gründung im Jahr 2024 bewusst genutzt, um ein stabiles Fundament für byte robotics zu bauen: durch Workshops, gemeinsame Visionen und klare Strukturen. Wir sagen oft: Gründen ist wie heiraten. Wir haben die Spielregeln festgelegt, um als eingeschweißtes Team die Robotik langfristig revolutionieren zu können.“
 

Wie sind Sie zu dem Forschungsprojekt gekommen?

LG: „Das Projekt VIP+ AuRora, an dem auch  meine Teamkollegen Erik May, Julian-Benedikt Scholle, Nadia Schillreff und Maximilian Kühne beteiligt waren, legte ab 2020 den technologischen Grundstein. Das Ziel war visionär: Wir wollten einen Industrieroboter so intuitiv nutzbar machen wie eine Bohrmaschine. Als das Team die Weichen für den EXIST-Forschungstransfer stellte, suchte Erik May über LinkedIn und sein Netzwerk gezielt nach der wirtschaftlichen Ergänzung für das bestehende Tech-Quartett. 

Über einen gemeinsamen Universitätskontakt fanden wir zusammen. Ich lernte das Team genau in der heißen Phase kennen, als sie den IQ Innovationspreis Mitteldeutschland gewannen. Diesen Spirit und diese Dynamik miterleben zu dürfen, hat mich sofort überzeugt und mir war klar: Hier entsteht etwas Großes.

Kurz darauf bin ich offiziell als Diplom-Kauffrau ins Team eingestiegen, um den EXIST-Forschungstransfer mitzugestalten und das Gründungsvorhaben kaufmännisch zu komplettieren. Wir haben die Zeit vor der Gründung 2024 intensiv genutzt, um das Fundament zu bauen. Auch hier galt: Wir wollten uns bewusst Zeit nehmen, Strukturen und ein gemeinsames Verständnis für unser Team zu entwickeln, damit wir solide wachsen können.“ 

Was waren die entscheidenden Schritte für die Gründung oder für den Erfolg Ihres Unternehmens?
 

LG: „Zu unseren wichtigsten Meilensteinen zählen: 

  • das Forschungsprojekt VIP+ AuRora
  • der Gewinn des IQ Innovationspreis Mitteldeutschland 2023 (Cluster Automotive)
  • der exist-Forschungstransfer (2023 – 2025)
  • der Einstieg von bmp ventures als Investor (06/2025)
  • der Gewinn des Gründungswettbewerbs Digitale Innovationen
  • die zweite Phase des exist-Forschungstransfers 

Wir sind stolz auf die Preise und Förderungen, weil sie bestätigen, dass unsere Technologie ein relevantes und zugleich kostenintensives Problem der Industrie löst.

Der wichtigste Schritt war die Überführung der Hochtechnologie aus dem Labor in die Wirtschaft. Der Abschluss des exist-Projekts im April 2025 und die anschließende Seed-Finanzierung durch bmp ventures und die IBG-Fonds waren entscheidend. Damit ging es von der universitären Forschung direkt in den Markt. 

Ein weiterer Meilenstein war die Entwicklung unseres Plug-ins für Offline-Programmiersysteme wie Kuka.Sim und Visual Components, welche nun im Einsatz sind und für drastische Zeitreduzierung in Programmierung und Inbetriebnahme sorgen.“

An welchen Stellen sind oder waren Sie stolz auf sich und Ihr Unternehmen?

LG: „Der Sieg beim IQ Innovationspreis Mitteldeutschland hat uns früh bestätigt, dass wir ein echtes und relevantes Problem der Industrie lösen. Besonders stolz sind wir auf die doppelte Auszeichnung beim ‚Gründungswettbewerb – Digitale Innovationen‘ 2025. Aber Preise zu gewinnen, ist nur die halbe Wahrheit. Was uns wirklich stolz macht, ist der reale Impact: Unsere KI-Software berechnet Roboterbewegungen so effizient neu, dass wir die Zykluszeiten um bis zu 30 % senken, und das, ohne Eingriff in ihre laufende Produktion. Das motiviert uns, noch mehr Unternehmen einzuladen, uns auf die Probe zu stellen und den Beweis in ihrer eigenen Fertigung zu erbringen.“

Welche Bedeutung hat die Nähe zu einer Forschungseinrichtung für Ihr Unternehmen?

LG: „Die Nähe zu Forschungseinrichtungen wie die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und dem Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF bieten Zugang zu neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, Netzwerkpartnern und einer erstklassigen Infrastruktur. Insbesondere Hochtechnologie-Forschung ist mit Risken verbunden. Die Nähe zur Universität ermöglicht es uns, komplexe Algorithmen in einer erstklassigen Infrastruktur zu validieren. Es ist der ideale Ort, um den Transfer von der Theorie in die industrielle Praxis sicherzustellen.“

Welche Bedeutung hat der DVS für Ihr Unternehmen?

LG: „Der DVS ist für uns die Brücke zu den Anwenderinnnen und Anwendern. Über Prof. Dr.-Ing. Sven Jüttner haben wir früh den Kontakt zum DVS-Bezirksverband Magdeburg geknüpft. Auf den Tagungen 2024 und 2025 konnten wir unsere Software direkt Schweißfachleuten vorstellen und wertvolles Feedback erhalten. Dieser Dialog ist für ein Startup unverzichtbar, um zu verstehen, wie wir die tägliche Arbeit in der Schweißtechnik durch automatisierte Programmierung effizienter machen können. 

Insbesondere vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist das entscheidend, da wir das Handwerk nicht ersetzen, sondern entlasten wollen. Wir ersparen zeitaufwendige Programmierung mit unseren Entwicklungen.

Der DVS hilft uns dabei, sicherzustellen, dass unsere automatisierten Lösungen die Sprache der Praxis sprechen – und damit die Einstiegshürden für den Robotereinsatz im Mittelstand deutlich senken.“

Die Fotos zeigen Leona Grulich mit ihrem Team von byte robotics (oben) und dem Geschäftsführer Erik May (unten). Das Interview wurde im April 2026 geführt.